Der Mann der den Hexen ein Gesicht gibt – Dominique Rebourgeon

Künstler Dominique Rebourgeon ist gebürtiger Franzose und lebt mit seiner Frau in einem ehemaligen Kloster in Baden Würtemberg. In Söll hat er sich vorerst durch seine Arbeiten für das Hexenwasser einen Namen gemacht und hat neben der Gestaltung zahlreicher Hexen-Kunstwerke für unterschiedliche Kanäle auch die künstlerische Gestaltung des AmVieh Theaters (Schaustall auf der Stöcklalm) übernommen. Gemeinsam mit dem Söller Komponist Michaela Mayr und Hexenwasser Visionär Matthias Schenk hat er im vergangenen Jahr die sogenannte „Hexophonie“ für die neue Hexenwasser Gondelbahn umgesetzt. Hexen Geschichten, Malerrein und schräge Hexenmusik machen die Kabinen der neuen Gondelbahn seit letztem Sommer zu 72 kleinen Kunstwerken. Für dieses Projekt hat Dominique sehr intensiv mit den Söllerinnen und Söllern (speziell mit den Musikern der Bundesmusikkapelle) zusammengearbeitet.

Wie Dominique das Hexenwasser, die Arbeit in Söll und die Zeit seit Begin der Pandemie erlebt hat erzählt er uns im Interview.

  • Dominique, Du hast viel Zeit im Hexenwasser verbracht und kennst die Strukturen, die Landschaft und die Mitwirkenden sehr gut. Was macht das Hexenwasser für Dich persönlich aus?

Das Hexenwasser ist durch seine Art Geschichten zu erzählen etwas ganz Besonderes. Geschichten die zum Teil wahr sind und zu einem anderen Teil erfunden. Eine Welt zwischen Wahrheit und Traum. Eine mystische und unentbehrliche Welt. Menschen brauchen Geschichten und Fantasie. Eigentlich sind Geschichten fast das einzige was der Mensch braucht. Unsere Seelennahrung. In dieser ernsten Zeit ist kaum Platz für fantasievolles und künstlerisches. Das geht komplett verloren. Aber eigentlich brauchen wir genau heute mehr denn je diese Zufluchtsorte. Im Hexenwasser werden die Eltern kindisch und weich. Das ist faszinierend.

  • Gibt es für Dich einen besonderen Kraftplatz im Hexenwasser?

Das letzte Mal, als ich mit Matthias Schenk im Hexenwasser war bin ich auf dem Weg zur Hexerei „hängengeblieben“. Ich habe dort sehr viel Zeit verbracht. Es ist ein ganz besonderer Weg. Wenn man genau hinsieht gibt es hier kleine sprudelnde Quellen die unheimlich lebendig sind. Ich bin ein Träumer – wie ein Kind. An diesem Hang kann man sich unheimlich gut die Hexen vorstellen, wie sie  umherstreifen. Das ist ein Traumplatz und ein Kraftplatz für mich.

  • Wie ist Dein Verhältnis zu Hexen? Hattest Du vor Deiner Arbeit in Söll schon mit Hexen zu tun?

Hexen als weise naturverbundene Frauen waren mir nie fremd. Nicht nur durch die alemannischen Fastnachthexen in Konstanz, sondern schon aus meiner Kindheit in Burgund habe ich eine Verbindung zu hexischem. Ich bin sehr ärmlich aufgewachsen. Wir lebten am Waldrand und ich habe meine Zeit als Kind oft im Wald verbracht. Hier gab es immer wieder Zigeunerlager die ich aus der Ferne beobachtete. Diese Menschen waren noch ärmer als wir, zogen mit ihren knochigen Pferden umher und lebten ein ganz eigenes Leben. Diese Beobachtungen und die Zeit in der Natur haben mich gelehrt die Welt mit anderen Augen zu sehen. Ich saß manchmal stundenlang am Tümpel und habe gehirnt. Ich war ein sehr frommes und nachdenkliches Kind. Ein Beobachter. Die Zigeunerfrauen hatten immer eine Schnur mit einem Glasauge um den Hals. Das Auge soll das Böse abzuwehren. Mit 13/14 Jahren wurde ich immer neugieriger zu sehen was da ist: das was man nicht sieht. Ich kam dem Schamanismus und den Elementarwesen deutlich näher. Ich interessierte mich für das Heilen durch den Blick, auch das hat viel mit dem Hexenwesen zu tun. Mein Verhältnis zur Hexerei hat natürlich auch mit dem Christentum zu tun und mit ernsthaftem Schamanismus. Aber ja, eine hexische Ader gab es bei mir schon immer.

  • Für das Hexenwasser hast Du verschiedenste Hexen gemalt. Wie hat sich der Blick auf die Hexe durch deine Arbeit im Hexenwasser verändert?

Die Hexen im Hexenwasser sind freundliche, mystische aber humorvolle Hexen.  Ich musste mich sehr stark mit dieser Art von Hexe auseinandersetzen. Die Haltung der Hexenwasser Hexen, ihre Gestik und Mimik. Das war der Leitfaden für meine Arbeit. Meine Zeichnungen sollten aber auch nicht eine Aneinanderreihung von Lächeln werden. Ich habe eine tänzerische, hüpfende Hexe vor Augen. Wenn ich diese Bilder zu Papier bringe, habe ich eine eigene Herangehensweise. Ich Arbeite mit einer Hexen-Grundskizze die ich unter einem gut beleuchteten Glastisch platziere. Dann pause ich diese Hexe immer wieder ab, ziehe sie um, und (h)experimentiere mit ihrem Ausdruck. Beim letzten Pausen – der Reinzeichnung – arbeite ich dann mit Tinte. Hier muss alles sitzen und ich muss den globalen Blick behalten. Es ist sehr spannend. Als Zeichner lernt man so unheimlich viel über Hexen. Ich bin sehr dankbar dafür.

  • Die sogenannte „Hexophonie“ ist ein künstlerisches Pionierprojekt. Gemeinsam mit Matthias Schenk (Hexenwasser Visionär) hast Du es geschafft die Söllerinen und Söller mit in die Hexenwasser Ideen einzubeziehen. Wie hast Du die Arbeit mit den Einheimischen  erlebt? Hast Du selber etwas dazugelernt?

Als die Idee gewachsen ist die „Hexophonie“ in die Hexenwasser Gondelbahn zu bringen, wussten Matthias und ich schon von Beginn an, dass es sich um eine ernste künstlerische Angelegenheit handelt. Um ein solches Gesamtkunstwerk in eine Bergbahn Gesellschaft zu integrieren, braucht es Überzeugungsarbeit. Ich war von Anfang an sicher und hatte keine Zweifel. Natürlich gab es Hürden. Die Bundesmusikkapelle für dieses Projekt zu gewinnen gelang durch Oswald Mayr, der sich sehr stark mit unserem Vorhaben beschäftigt hat und letztendlich den Mut hatte einen Schritt ins Ungewisse zu wagen und die Musiker zu überzeugen. 

Oft habe ich im künstlerischen Bereich mit Vollprofis zu tun. Für die improvisierten Tonspuren der Hexophonie war das nicht nötig. Im Gegenteil. Ich mochte die Leute in Söll „das freundliche Bergvolk“ sehr und ich war wahrlich überrascht, dass alle auf einmal bereit waren sich zu öffnen. Sie waren mutiger als viele Profis…Ganz ohne Starallüren. Der Aspekt der Gemeinschaft war dabei eine einmalige Sache. Mich hat es auch gefreut wie frei die Teilnehmer waren. Ich glaube, dass auch die kurzfristige Planung von Vorteil war, weil keine Zeit blieb sich zu viele Gedanken zu machen. Mike Mayr hat die Planung und die Aufnahmen mit seiner professionellen und konsequenten Art sehr gut gemeistert. Durch seine gute Struktur und eine angenehme Dominanz blieb keine Zeit sich zu sehr zu verkünsteln oder 1000 blöde Fragen zu stellen. Es war produktiv.

Auch die Sprecher haben mich überrascht. Fast alle waren sehr gut vorbereitet. Die wunderschönen Stimmen der Kinder sind mir stark im Gedächtnis geblieben. Es war spannend und intensiv.

  • Du hast auch alle 72 Motive für die Gondel gemalt. Wie schwierig war das für Dich? Gibt es eine Lieblingsgondel?

Überlegt* Nein, eigentlich nicht. Auf gesundheitlichen Gründen konnte ich leider noch nicht in der Gondel mitfahren. Aber ich denke jede Kabine hat etwas Besonderes. Ich habe ja eigentlich über 100 Motive gemalt, und es gab auch fast 100 Geschichten zur Auswahl. Die Arbeit war eine sehr fließende. Die Skizzen gehen mir immer recht leicht von der Hand. Die Reinzeichnungen für die Beklebung waren heikel. Das ist viel Grafikerarbeit. Die Proportionen müssen stimmen und man muss sich gut mit der Grafik abstimmen. Aber ich denke mit dem Ergebnis ist uns etwas ganz tolles gelungen.

  • Ein sehr private Frage: Momentan geht es Dir gesundheitlich nicht gut und Du kannst nicht malen oder musizieren. Dazu kommt noch die bedrückende Situation der Corona Pandemie. Wie erlebst Du diese schwere Zeit? Woran arbeitet Dein Kopf?

Seit meiner Krebs Diagnose im vergangenen Jahr habe ich viel durchgemacht. Die zusätzliche Infektion mit dem Corona-Virus habe ich gut überstanden. Corona hat mich nur gestreift. Ich bin zwar körperlich angeschlagen, aber mein Kopf funktioniert zum Glück sehr gut. Trotz allem bin zuversichtlich, auch wenn es nicht immer einfach ist. Ich habe weiterhin Visionen, Träume und Pläne. Natürlich möchte ich nach Söll kommen und selber mit der Gondel fahren. Zur Zeit träume ich nachts vom Dichten in einer seltsamen Fantasie-Sprache. Das alles spielt sich in einer mystischen Welt der Naturkräfte ab. Es fließt. Ob ich es zu Papier bringen kann weiß ich noch nicht.

Ich will weitermachen.

 

 

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